Vor drei Jahren hätte ich mich noch darüber aufgeregt. Ein typischer Mittelständler, der denkt: Tarifbindung, das ist was für Konzerne. Für mich als Bäcker mit zwölf Leuten? Zu teuer, zu starr. Ich wollte flexibel bleiben, jedem nach Leistung zahlen können. Dann kam der Fachkräftemangel richtig hart. Und ich merkte: Ohne klare Regeln verliere ich meine besten Leute. Also habe ich angefangen, mich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen. Was ich herausfand, hat mich überrascht. Auf der Wir Webseite fand ich Zahlen: In tarifgebundenen Betrieben sind die Gehälter im Schnitt 12 Prozent höher, die Fluktuation niedriger. Das war der Punkt, an dem ich umdachte.
Ich will hier nicht predigen. Jeder Betrieb ist anders. Aber ich möchte erzählen, was bei mir passiert ist und warum ich heute anders handle. Vielleicht hilft es jemandem, der noch zweifelt.
Die Angst vor dem Tarifvertrag
Viele kleine Chefs denken so wie ich damals. Sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren. Ein Tarifvertrag schreibt vor, was du zahlen musst – egal ob der Laden läuft oder nicht. Im Bäckerhandwerk sind die Margen ohnehin schmal. Da kann ich doch nicht noch extra drauflegen. Und was ist mit Überstunden? Sonderzahlungen?
Meine erste Recherche hat mich kalt erwischt. In meiner Branche, dem Bäckerhandwerk in Nordrhein-Westfalen, gibt es einen gültigen Tarifvertrag. Nur dass ich ihn nie angewandt habe. Und das war nicht illegal, solange ich nicht in einer allgemeinverbindlichen Erklärung steckte. Aber die Konkurrenz ums Eck, die tarifgebunden war, zahlte ihren Leuten mehr. Meine besten Gesellen guckten rüber. Zwei gingen. Das hat wehgetan.
Also habe ich gerechnet. Mit den konkreten Zahlen aus dem Tarif. Das Ergebnis?
- Die tarifliche Lohnerhöhung war geringer als die individuellen Aufschläge, die ich ohnehin gezahlt habe, um Leute zu halten.
- Überstundenregelungen waren klarer – weniger Streit ums Geld.
- Der Verwaltungsaufwand stieg, aber nicht dramatisch. Mein Steuerberater hat mir eine einfache Excel-Tabelle gebaut.
Kurz: Es war nicht der finanzielle Super-Gau, den ich befürchtet hatte. Eher eine Normalisierung.
Was sich durch den Tarifvertrag geändert hat
Nach einem Jahr unter Tarif kann ich sagen: Die Vorteile überwiegen. Vor allem außerhalb der reinen Geldzahlung. Meine Mitarbeiter wissen jetzt genau, wann sie welche Stufe erreichen. Das schafft Vertrauen. Keine Bettelei mehr um eine Gehaltserhöhung, keine versteckten Vergleiche unter Kollegen.
Ein konkretes Beispiel: Wir haben eine junge Kollegin eingestellt, die in einem großen Supermarkt gearbeitet hatte. Dort gab es Tarif. Sie fand es seltsam, dass in einem kleinen Betrieb plötzlich alles Verhandlungssache sei. Mit dem Tarifvertrag fühlte sie sich sicherer. Sie blieb.
Auch für mich als Chef hat es Vorteile. Ich muss nicht mehr ständig nachverhandeln oder Angst haben, dass jemand geht, weil der Neue mehr bekommt. Die Tariftabelle gibt eine Struktur vor. Das entlastet mich.
„Ein Tarifvertrag ist kein Korsett, sondern ein Gerüst. Es gibt Halt, ohne dass es drückt.“ – ein Kollege aus der Innung
Natürlich gibt es auch Nachteile. Einmal im Jahr die Lohnerhöhung einplanen – das muss man können. Und wenn es richtig schlecht läuft, bin ich trotzdem gebunden. Aber ehrlich: In den letzten Jahren lief es nie so schlecht, dass ich die 2–3 Prozent nicht hätte stemmen können. Die Alternative wäre gewesen, Leute zu verlieren und dann teurer neu einzustellen. Das ist teurer.
Was ich anderen Kleinunternehmern rate
Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich rate nur: Schaut euch die Fakten an, bevor ihr ablehnt. Rechnet mit euren echten Zahlen. Und redet mit Leuten, die es schon machen. Auf der Seite wir-fuer-tarifde.com fand ich übrigens auch eine Liste der Innungen und Verbände, die bei der Umsetzung helfen. Das hat mir den Einstieg erleichtert.
- Prüft, ob es in eurer Branche einen Tarifvertrag gibt und ob ihr ihn anwenden könnt.
- Macht eine Kosten-Nutzen-Rechnung mit euren tatsächlichen Personalkosten inklusive der Fluktuationskosten.
- Sprecht mit euren Mitarbeitern. Fragt sie, ob ihnen ein Tarifvertrag wichtig wäre.
Ich bereue meine Entscheidung nicht. Der Betrieb läuft stabiler, die Stimmung ist besser. Und ich kann mich auf das konzentrieren, was ich kann: gutes Brot backen. Das reicht mir.